Meldungen
11.01.2013, 23:22 Uhr
Berichterstattung der Ostfriesischen Nachrichten vom 11. Januar 2013 von Wolfgang Witte
"Sandra Erfmann - "Girlie" der Christdemokraten?"

"Landtagskandidatin weiß: Sie muss öffentlich präsenter werden - Aber: "Ich will das Problem verstanden haben, bevor ich etwas dazu sage"

Aurich. Hinter vorgehaltener Hand wird Sandra Erfmann vor allem vom politischen Gegner das „Girlie“ der CDU bezeichnet. Ob das stimmt, muss jeder selber entscheiden. Dabei sollte er jedoch sicherstellen, dass sein Urteil nicht einer männlichen Welt entspringt, in der Maßstäbe angelegt werden, mit denen die Leistung von Frauen nicht zu messen ist. Er könnte sich sonst in der CDU-Landtagskandidatin böse täuschen.

 

Quelle: Ostfriesische Nachrichten vom 11. Januar 2013, Seite 5 von Wolfgang Witte

Frauen verhalten sich im beruflichen Wettbewerb anders als Männer. Sie stellen weniger ihre eigenen Fähigkeiten heraus, urteilen erst, wenn sie sich gut informiert fühlen, gestehen Fehler leichter ein, sprechen auch von den Leistungen anderer und nehmen sich zurück. Mit Mangel an Kompetenz, fehlendem Ehrgeiz oder schlechtem Durchsetzungsvermögen muss das nichts zu tun haben. Die Personalabteilungen von Unternehmen und Behörden berücksichtigen das seit Jahren. In der „Hassliebe“ zu unseren Politikern spielen solche Überlegungen aber keine Rolle.

Wir wissen aus leidvoller Erfahrung, dass die Lautsprecher schnell zu Leisetretern mutieren, wenn es eng wird. Wir wissen, dass diejenigen, die nie um ein Wort verlegen sind, Hände schütteln, Versprechungen machen und den Eindruck erwecken, sie hätten alles im Griff, sich in die zweite Reihe stellen, wenn nach den Verantwortlichen gefragt wird. Doch genau diese Personen, egal ob Mann oder Frau, werden von uns gewählt. Der Schein von Kompetenz reicht. Wer vorsichtig argumentiert und auch noch die Schüchternheit zeigt, die im privaten Umgang als wohltuend empfunden wird, der ist auf dem politischen Paket ein Irrläufer. Er ist nur ein Leichtgewicht oder, jünger und weiblich, ein „girlie“.

Ja, sagte Sandra Erfmann im Gespräch mit den ON, sie sei schon dafür kritisiert worden, dass sie sich nicht mit harten Attacken gegen ihre Gegenkandidaten profiliert. Ja, sie habe sich schon überlegt, zum Beispiel mit einem Statement zur Misere der Ubbo-Emmius-Klinik Aufmerksamkeit zu erregen. Doch davor scheue sie zurück. Sie sei immer gut damit gefahren, sich erst umfassend zu informieren und dann zu reden. „Ich will das Problem verstehen, zu dem ich etwas sage.“ Ja, sie wisse, dass sie dazu lernen müsse, um im politischen Geschäft zu bestehen und sie sei auch bereit, solchen Anforderungen nachzukommen – doch, nein!, verbiegen lasse sie sich nicht. Sie interessiere sich sehr für Politik und sei auch stolz darauf, so schnell so viel Zuspruch gefunden zu haben; immerhin habe sie bei der Kommunalwahl auf einem der letzten Listenplätze gestanden und sei direkt gewählt worden. Doch wenn man mehr von ihr verlange, als sie vor sich selber verantworten könne, dann könne sie auf Politik auch verzichten; sie habe einen Beruf, der ihr viel Freude mache.

Nichts will die CDU-Landtagskandidatin davon hören, dass ihr jetziges Engagement doch verlorene Liebesmüh sei. Nicht auf der Liste abgesichert, habe sie kaum eine Chance. Solche Provokationen ignoriert sie. Doch später im Gespräch ist das Thema plötzlich wieder da. Sie erzählt, dass sie es liebt, Skat zu spielen. Dann sagt sie, wirklich gut spiele sie nicht, sodass der Zuhörer denkt: „oh Gott, warum sagt sie das jetzt“ und darüber fast den zentralen Satz überhört: „Ich gehe nicht zum Skatspielen, um Karten zu halten, sondern um zu gewinnen.“ Schlagartig öffnet sich ein anderer Blickwinkel: Sandra Erfmann hat möglicherweise einen viel härteren Kern als es scheint. Ehrgeizig ist sie obendrein.

Diese Annahme, die im Widerspruch zu ihrem öffentlichen Auftreten steht, erhält durch ihren beruflichen Werdegang weitere Nahrung. Nach dem Abitur in Esens hat sie erst Groß- und Außenhandelskauffrau bei Steinhoff in Westerstede gelernt. Als das Unternehmen ihr nicht ermöglichte, über einen dualen Bildungsgang auch einen Studienabschluss zu bekommen, bewarb sie sich aus ihrer Lehre heraus bei anderen Unternehmen, schloss aber ihre Ausbildung bei Steinhoff in verkürzter Zeit noch ab, um dann zur Raiffeisen-Volksbank nach Moormerland zu wechseln. Dort beendete sie 1999 ihre Ausbildung zur Bankkauffrau und 2000 die Berufsakademie als Betriebswirtin. Zusätzlich zu ihrer Arbeit qualifizierte sie sich dann bis 2008 zur Bankbetriebswirtin. Von 2009 bis 2011 erwarb sie dann, ebenfalls neben der Arbeit, die fachliche Eignung, die man benötigt, um Vorstandsmitglied einer Bank zu werden. Sandra Erfmann ist nicht vor dem Studienabschluss in die Politik gewechselt (geflüchtet), sondern hat über Jahre neben ihrer beruflichen Tätigkeit mit Erfolg studiert. Soviel Energie hat nicht jeder.

Während ihrer Qualifikation konnte Sandra Erfmann in ihrer Bank nicht halblang machen. Erst als Firmenkundenberaterin tätig, ist sie heuet für das Geschäft ihrer Bank mit den Bauern zuständig. Die Landwirtschaft, sagt sie, habe sie schon ganz früh interessiert. Es sei doch erstaunlich, wie unterschiedlich die vielen Höfe daständen, obwohl sie doch (fast) alle Kühe melkten und Grünland bewirtschafteten. Von diesem Erstaunen ausgehend, habe sie sich in den Jahren Fachwissen angelesen und auch jetzt auch eigene Beurteilungskriterien (Kennziffern) für die ökonomische Beurteilung von Betrieben erarbeitet. Die Landwirte staunten schon lange nicht mehr, wenn von ihrer Bank kein älterer „gestandener“ Herr, sondern eine jüngere Frau käme. Die Betriebsleiter und Betriebsleiterinnen wüssten, was sie wisse und vertrauten ihrer Beratung.

Auf die Frage, ob ihre Geschäfte alle gut gegangen seien, sieht man ihr die Freude an, mit „Ja“ antworten zu können – doch dann schiebt sie (typisch weiblich) die Einschränkung nach, so schwer sei das aber auch nicht. Geschäfte mit der Landwirtschaft seien sicherer als zum Beispiel die Finanzierung einer Gewerbehalle. Ein Politiker, wie wir ihn uns vorstellen, sagt so etwas nicht. Er betont stattdessen, wie toll er ist.

Trotz der anderen Signale noch immer vom Vorurteil bestimmt, es mit einem politischen Leichtgewicht zu tun zu haben, lenken die ON das Gespräch auf Milchpreise und Mengesteuerung. Die Erwartung ist, die Kandidatin werde kaum über Allgemeinplätze hinauskommen. Doch ganz falsch. Sandra Erfmann kann nicht nur die EU-Politik mit wenigen Worten skizzieren, sondern auch darstellen, was auf den Höfen geschieht und wie schnell man bei diesem Thema mit allgemeinen Aussagen falsch liegt. Wer sich auf ein Streitgespräch über Milchpreise mit ihr einlässt, der sollte ziemlich gut Bescheid wissen."

Es ist wenig mutig vorherzusagen, dass Sandra Erfmann, wenn sie so weiter macht wie bisher, eher keine landespolitische Karriere bevorsteht. Kann sie jedoch die Hüllen aus Floskeln und Leerformeln abstreifen, besitzt sie wirklich Härte und Ehrgeiz und findet die ihr gemäße Form, ihre Fähigkeiten öffentlich zu machen, dann wird die CDU noch viel Freude an ihr haben. Heute ist Sandra Erfmann kaum eine Gegnerin für Platzhirsch Wiard Siebels. Doch sicher kann er sich nicht fühlen.

Zusatzinformationen